Dichtender Simplwirt, Münchner Kabarettlegende

4. Mai 1889 - 13. Januar 1955

Biografie — Teil 1

1889 — 1935

Theo als Kind

Theo Prosel wurde am 4. Mai 1889 in Wien als jüngster von drei Geschwis­tern geboren. Sein Vater Karl war Vertreter für Lokomo­tiven, starb aber als Theo erst 10 Jahre alt war. Nachdem er das Kloster­gym­na­sium in Krems­münster und die Wiener Handels­aka­demie besucht hatte, arbei­tete er, der Famili­en­tra­di­tion folgend, als kaufmän­ni­scher Angestellter in einer Zucker­fa­brik. Die Buchhal­terei und das Büroleben lagen ihm gar nicht. Später im Simpl sagte er immer wieder von der Bühne herab: “Die Buach­hal­tung is heit’ no net in Ordnung.” Viel lieber hielt er sich in den Wiener Kaffee­häu­sern auf und las Zeitung.

Als im Jahre 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde er einbe­rufen. Er folgte dem Ruf, wenn auch nicht gerne, so doch weil er musste. Als Fähnrich bei den Deutsch­meis­tern geriet er 1915 im russi­schen Tomsk in Kriegs­ge­fan­gen­schaft. Über seine Gefan­gen­nahme berichtet Prosel in einem kleinen Heft, das er anläss­lich seines 60. Geburts­tags herausgab: “Ich durch­brach die russi­sche Front mit einem derar­tigen Elan, dass ich vor Sibirien nicht zum stehen kam.”

Die Versor­gung im Lager war großartig. Oft sagte Prosel in späteren Jahren: “Ich wünsch’ mir nochmal drei sorglose Jahre in Sibirien.” Nie wieder in seinem Leben hatte er so viele Gänse gegessen. Um sich die Zeit zu vertreiben, trieben die Soldaten Sport, gründeten einen Gesang­verein, und malten. Es wurde auch viel Theater gespielt. Als Prosel das Buch “Wilde Sachen” von Rideamus zur Begut­ach­tung für eine Auffüh­rung in die Hände bekam, meinte er nur: “Solche Verse schreib’ ich immer noch am Häusl.” Es entstand eine Wette, und Prosel zog sich mit Papier und Bleistift auf das gewisse Örtchen zurück. Nach einer Stunde kam er heraus und schwenkte ein voll geschrie­benes Blatt Papier in der Hand. Darauf stand sein erstes Gedicht: “Die roten Hosen­streifen”. Alle waren begeis­tert und es war nicht das letzte Mal, dass ihn die Muse gerade an diesem Ort geküsst hat. 

In der Gefan­gen­schaft schrieb er noch viele weitere meist kriegs­geg­ne­ri­sche Gedichte und veran­stal­tete bunte Abende.

Nach drei Jahren wurde er in die Heimat entlassen. Prosel berichtet darüber: “Mit dreihun­dert Gedichten, die ich im Kopf über die russi­sche Grenze schmug­gelte, landete ich 1918 wieder in Wien. Der Krieg war aus und ich wieder ein schäbiger Zivilist, der irgendwie trachten musste, sein Brot zu verdienen. Der Vortrag meiner Gedichte bei irgend­einer Veran­stal­tung hatte einen guten Erfolg, so dass ich sicherer wurde.”

Als Rezitator seiner Gedichte kam er 1920 erstmals nach München und trat bei Karl Valentin im “Chari­vari” auf. War Valentin Prosels erster Direktor, so war Prosel Valen­tins letzter vor dessen Tod am Rosen­montag 1948. Gäste machten die Simpl­wirtin Kathi Kobus auf Theo Prosel aufmerksam.

Am 1. Juni 1920 stand Theo Prosel also zum ersten Mal auf der Bühne der Künst­ler­kneipe “Simpli­zis­simus” und war vom ersten Augen­blick an unheilbar mit dem Simpl-Gift infiziert. Oft sagte er: “Mei, den Laden, den möcht’ ich amal hab’n!”

Kathi Kobus

Kathi Kobus

Julia Prosel, Koloraturgesang

Julia Prosel

1921 heira­tete Theo Prosel die Wiener Opern­sän­gerin Julia Prosel, die am 1. August 1921 ihre erste Tochter Theodora zur Welt brachte.

Die Familie lebte damals in Meran, wo Prosels elf Jahre ältere Schwester Anna im “Bergschlössel” ein Institut für junge Mädchen hatte. Julia gastierte am Stadt­theater und Theo eröff­nete den Sommer über ein Ausflugscafé in einem alten Schloss am Josefs­berg oberhalb von Algund. Die Meraner kamen gerne zu Kaffee und Gugel­hupf den Berg herauf — nicht zuletzt auch wegen dem Wirt, mit dem man soviel lachen konnte.

Einige Monate später mussten Theo und Julia wieder zu einem Engage­ment nach Linz an der Donau, wo dann am 21. Oktober 1922 ihre zweite Tochter, Gertrude, zur Welt kam. Da sie ständig unter­wegs waren, gaben sie ihre Kinder in Anna Prosels Obhut.

Später gingen Julia und Theo zurück nach Wien, wo am 29. August 1924 ihre jüngste Tochter Therese geboren wurde, die sie ebenfalls zu ihren Geschwis­tern und Anna Prosel brachten.

Diese war, nachdem sie ihr Institut in ein Erholungs­heim für Berliner Wohlfahrts­kinder umfunk­tio­niert hatte, ins maleri­sche Schlöss­chen Rainegg oberhalb des Eisack nahe Brixen gezogen. Für die Kinder war es das Paradies auf Erden.

Theo bekam eine Stelle als Leiter der Zeitung “Wiener Hausfrau” und begrün­dete die lange Zeit sehr beliebten “Wiener-Hausfrauen-Nachmit­tage”. Später gab er die Monats­zeit­schrift “Die Geißel” heraus, die er selbst in den Wiener Cafés verkaufte. Nachdem Theo einige Zeit in Berlin und Paris verbracht hatte, ging er zurück nach Brixen, wo er seiner Schwester alle geschäft­li­chen Arbeiten abnahm.

Julia Prosel sang beim Bozener Sender und war Gesangs­meis­terin an der Musikschule.

Schloss Rainegg, Brixen

Schloss Rainegg

Theo, Trude, Resi, Dorli

Theo mit seinen Töchtern

Als in Deutsch­land die Wirtschafts­krise einsetzte, schickte man keine Kinder mehr zur Erholung und Anna Prosel machte Konkurs. Die Familie verließ am 31. Dezember 1932 samt Theos Schwester und Mutter Südtirol. Prosel wollte eigent­lich nach Berlin, aber das Fahrgeld reichte für die große Familie nur bis München.

Sein Freund, der Confé­ren­cier Karl Peukert, half der Familie, in München Fuß zu fassen. Die erste Zeit in München war furchtbar schwer. Theo arbei­tete als Confé­ren­cier im Simpl und schrieb Confé­rencen für Karl Peukert und Adolf Gondrell, Julia sang im Zentral­pa­last, im Annast und im Bayeri­schen Rundfunk.

Familienkutsche

Die “Famili­en­kut­sche”

Mit ihren Gagen und dem kleinen Einkommen, das sich Anna Prosel mit Nachhil­fe­un­ter­richt und hübschen Bastel­ar­beiten verdiente, war es schwer, die sieben­köp­fige Familie durchzubringen.

Adolf Gondrell hatte erkannt, dass sein Erfolg nicht zuletzt auch durch Prosels Confé­rencen zustande gekommen war und dankte es ihm mit dem wohl größten Geschenk, das man ihm hätte machen können: Er kaufte den Simpl und setzte Theo als Pächter ein.