Dichtender Simplwirt, Münchner Kabarettlegende

4. Mai 1889 - 13. Januar 1955

Biografie — Teil 3

1944 — 1955

In der Nacht vom 8. auf den 9. August 1946 eröff­nete Theo Prosel am Platzl den “Neuen Simpl”. Erst später fiel ihm auf, dass der 9. August Kathi Kobus’ Bestat­tungstag war. Er wertete dies als gutes Zeichen. Auch Prosels neues Refugium bestand aus zwei Räumen, die durch einen Gang mitein­ander verbunden waren. Die Einrich­tung war ebenfalls dem alten “Simpl” nachemp­funden. Die bedeu­tendste Neuerung war wohl die größere Bühne mit Vorhang.

Die Verle­gung des Simpl von Schwa­bing in die Münchner Innen­stadt wurde freilich kritisch gesehen, doch kannte man Theo gut genug um zu wissen, dass der Simpl und seine guten Geister diesen Umzug gut überstehen würden.

"Neuer Simpl" am Platzl

“Neuer Simpl” am Platzl

Auf einen kriti­schen Beitrag in der Süddeut­schen Zeitung Nr. 65 vom 13. August 1946 antwor­tete Theo Prosel 1947 in einem Programm­zettel: “Es gibt wohl keine Gaststätte, keine Künst­ler­kneipe, kein Brettl und kein Kabarett, über das man so viel in aller Welt (im Ausland mehr als im Inland) geschrieben hätte, als über den Simpl. Er ist heute, man möchte fast sagen, märchen­um­woben. Denn das, was man über den Simpl heute zu lesen bekommt, ist gewöhn­lich durch die Brille der Sehnsucht nach längst Vergan­genem und Verklun­genem gesehen. Und da die jungen Autoren die ehema­ligen Glanz­zeiten des Simpl eben auch erst vom Hören­sagen kennen­ge­lernt haben, so glaubt ein jeder, dass es irgend­wann einen Ideal-Simpl gegeben hat, der sich von dem jetzigen grund­le­gend unter­scheidet… Vielleicht wird eine Zeit kommen, wo die heutigen Jungen als betagte Frauen und Männer in den jetzigen Simpl kommen, so nach 20 Jahren, und dann werden sie sagen: “Vor 20 Jahren, damals, als noch der Prosel lebte, damals war der Simpl noch etwas…”.

Simpl-Ensemble

Das Simpl-Ensemble: v.l. Carl Huemer, Dorit Schenk, Walther Diehl, Erika Blumberger, Theo Prosel, Hanne­lore Schroeter, Mano Fred, Inge Metzger

Im Neuen Simpl trat die alte Simpl-Garde auf: Lia Dahms (seit 1937 im Simpl), Elenor Falk (1939), Dorit Schenk (1940), Erika Blumberger (1940), Walter Hillb­ring (1919), Joachim “Baby” Faber (1932), Heinz Reitter (1937).

Dazu gesellten sich nach und nach Günther Jerschke und Helmuth Schattl, Marga­rete Bräuer sowie Walter Neumann, Ludwig “Wiggerl” Walberg und Carl Huemer. Ferner traten auf: Jo Berum, Liese­lotte Hösl, Wend von Jagow, Rudolf Kieslich, Inge Metzger, gelegent­lich die Prosel-Töchter Dorli und Resi, sowie Prosels Schwie­ger­sohn Walther Diehl.

Im März 1948 erlebte das Simpl-Publikum ein Gastspiel von Gert Fröbe, der erstmalig in München seine großar­tige Inter­pre­ta­tion von Morgen­stern-Gedichten, wie “Die Schild­kröte” und “Fisches Nacht­ge­sang”, zum Besten gab. Durch dieses Gastspiel bekam Fröbe seine erste große Filmrolle, den “Otto Normal­ver­brau­cher” im Film “Berliner Ballade”.

Im Januar 1948 hatte Karl Valentin im Neuen Simpl seine letzten Auftritte vor seinem Tod.

1949 feierte Walter Hillb­ring im Neuen Simpl sein 30-jähriges Bühnen­ju­bi­läum. Im Mittel­punkt stand Liesl Karlstadt, die ein längeres Gastspiel gab und Prosels Einakter “Frau Minister” meister­haft inter­pre­tierte. Für die Simpl-Gäste, darunter viele Promi­nente, wie Loni Heuser, Hellmuth M. Backhaus, Fred Rauch, Fred Spohrer, Axel von Ambesser, Adolf Gondrell, Fee von Reichlin, Cläre Waldorff, Ralph Maria Siegel, Pamela Wedekind und Erich Kästner, die zum Teil auch selbst auftraten,  blieb dieser Abend, dessen Reinerlös der Berlin-Hilfe zugute kam, unvergesslich.

Nicht weniger Promi­nenz war bei den beiden Feiern zum 60. Geburtstag Prosels im Neuen Simpl anwesend. Um das Geschäft zu beleben, feierte Theo 1949 und 1950 und hatte damit Erfolg.

Einen Tag nach der Währungs­re­form war das Lokal leer. Das wurde auch nicht mehr wesent­lich anders. Im Zuschau­er­raum, wo bisher Gedränge war, saßen zwei oder drei Gäste, manchmal kam gar keiner.

Neben schlechtem Geschäfts­gang war auch Prosels Sorglo­sig­keit in Geldan­ge­le­gen­heiten schuld am Zusam­men­bruch des Neuen Simpl. Jeden, den er gern mochte, hielt er frei. Machte man ihn auf Unregel­mä­ßig­keiten im Betrieb aufmerksam, konnte er sogar böse werden, oder aber er winkte gelassen ab und sagte: “I halt’s wia mein Großvater. Der hat g’sagt: ‘Die Haupt­sach’ is, dass mir aa no was lassn.’ ”

Anfang Juni 1950, fast vier Jahre nach der Eröff­nung, musste der Neue Simpl schließen. Seine Schulden bezahlte Prosel, so absurd es klingen mag, erst nach seinem Tod. Die GEMA-Tantiemen für “I hab die schönen Maderln net erfunden”, deckten in wenigen Jahren alle Forde­rungen ab.

Nach dem Konkurs drückte Prosel die künst­le­ri­sche Heimat­lo­sig­keit schwer. Im “Winter­garten” im Regina Palast Hotel versuchte Theo wieder Kabarett zu machen. Als auch in den “Winter­garten” fast keine Besucher kamen, zog Prosel mit seinem Kabarett in die wesent­lich kleineren “Thermen” des gleichen Hauses um. Er hoffte vergeb­lich, dass dieser Raum täglich voll besetzt sein würde. Die “Proselei”, wie er sein Kabarett nannte, musste aufge­geben werden. Auch ein erneuter Versuch im “Mutti-Bräu” schei­terte. Prosel resignierte: “Die Leut’, die heut’ a Geld ham, versteh’n mi nimmer”. Den meisten Wohlha­benden der Zeit kurz nach der Währungs­re­form fehlte die humanis­ti­sche Bildung, ohne die Prosels Programme nur schwer zu verstehen waren. Außerdem war politi­sches Kabarett gefragt, das Theo nicht lag. Drückten ihn die finan­zi­ellen Sorgen gar zu arg, meinte er: “Mei’ Liaber! Koa Geld ham und gar koa Geld ham, des is a Riesenunterschied!”

1954 spielte er in dem DEFA-Film “Der Ochse von Kulm” die Rolle des Meierhofbauern.

Theo-Prosel-Weg

Kurz vor seinem Tod wohnte Theo Prosel ein paar Wochen bei seiner verhei­ra­teten Tochter Dorli in München-Laim. Er war damals schon vom Tod gezeichnet, trotzdem brach sein unver­wüst­li­cher Humor immer wieder durch, wenn ihn der quälende Husten etwas zur Ruhe kommen ließ: “Wenn I g’storb’n bin, werden’s schon einmal einen Weg zu einem Scheiß­häusl nach mir benennen…”.

Theo Prosel starb am 13. Januar 1955, auf den Tag genau ein Jahr nach seinem Freund Adolf Gondrell, nach einem Blutsturz in den Armen des damaligen Narhalla-Faschings­prinzen Fritz I. (mit Famili­en­namen Gleich), für den er noch Reden geschrieben hatte.

Seit 1962 gibt es in Schwa­bing einen Theo-Prosel-Weg. Er führt nicht zu einem gewissen Örtchen, sondern verbindet die Elisa­beth­straße mit der Kathi-Kobus-Straße.

Die Stadt München ehrte damit einen großen Kabaret­tisten, der sein Publikum gescheit und mit viel Herz unterhielt.