Dichtender Simplwirt, Münchner Kabarettlegende

4. Mai 1889 - 13. Januar 1955

Theo Prosel (c) E. Daser374

Auf dem Narrenberg

von Theo Prosel

Ganz fern von hier, knapp an dem Rand der Welt,
Wo sich der Weg schon bald ins Reich der Geister zieht,
Da steht ein hoher Berg, von dessen Gipfel
Man noch die ganze Erde übersieht.
Doch nur dem Narren wird des Weges Kunde,
Und nur des Narren Auge darf erschaun,
Was da passiert auf dieser Erden­runde,
Soweit des Äthers Horizonte blaun.
Er kann sogar in Menschen­seelen blicken,
Geheimstes Wollen bleibt ihm nicht verborgen.
Er sieht die Hoffnung auf ein Sich-beglü­cken,
Er sieht die bestver­steckten grauen Sorgen,
Die selbst der Mensch dem Bruder nicht verrät.

Könnt irgend ein Gescheiter all dies sehn,
Dann könnt er es verwerten, besser machen;
So aber dürfen nur die Narren spähn,
Und Narren können höchs­tens blöde lachen.
Je nun, ich bin ja nur ein Narr,
Und der denkt anders als gescheite Leute.
Doch trotzdem will ich euch erzählen heute,
Was auf dem Narren­berg mir offenbar:

Weit lag die Welt, in tausend bunten Farben,
Reich stand das Feld, reif waren da die Garben.
Ich sah gar viele Kirchen, Schlösser, Wälder,
Und Silber­flüsse, wohlbe­stellte Felder.
Ich sah hinein in jene Häuser­haufen,
Wo Menschen gierig auf und nieder­laufen,
Wo einer nicht den Nächsten mehr erkennt,
Und die man sachge­mäss die “Gross­stadt” nennt.
Im Feld sah ich den Bauern fleissig pflügen,
Um über Unkraut, Kot und Stein zu siegen,
Dem Boden Brot und Früchte zu entlo­cken.
Dann sah ich einen auf der Börse hocken,
Der dieses Korn, das kaum im Boden drin,
Dem Anderen verscha­chert “per Termin”.

Dies alles schien mir, ach, so sonderbar.
Wie sollt ich’s auch verstehn? – Ich bin ja nur ein Narr,
Und der denkt anders als gescheite Leute…

Ich sah in eine Zeitungs­re­dak­tion,
Dort schrieb ein Mann im Ueber­zeu­gung­ston,
Den Leitar­tikel gegen die Moral,
Die heute herrscht. Es sei ein Mords­skandal,
Durch Bücher, Filme und durch Schund­bro­schüren,
Sei man am Werk, die Jugend zu verführen.
Und “Nieder” schrieb er “mit dem Schund in Wort und Bild!“
Und durch den Kneifer blickte er gar wild.
Befrie­digt lehnt er sich zurück sonach,
Stolz, weil er helden­haft die Lanze brach
Zum Wohl des Volks, für Sitte und Moral.
Doch nebenan im Insera­ten­saal,
Da nimmt ein Fräulein ‘Anzeigen entgegen:
“Das beste Mittel gegen Mutter­segen”.
“Der neueste Film: Das Grosstadt-Dirnen­wesen!
Phäno­menal, — man scheute keine Spesen“
All dies erhält die weiteste Verbrei­tung
Und steht ganz fried­lich in derselben Zeitung.

Dies alles schien mir, ach, so sonderbar.
Wie sollt ich’s auch verstehn? Ich bin ja nur ein Narr,
Und der denkt anders als gescheite Leute.

Mein Aug schweift weiter über’s Erden­rund
Und blickte in ein Haus. Dort hielt der Völker­bund
In einem alten, prunk­ge­wohnten Saale
Der letzten Sitzung feier­lich Finale.
Es ward bestimmt im hochge­lahrten Rat,
Den Krieg für alle Zeiten abzuschaffen.
Dem Schieds­ge­richte beug’ sich jeder Staat.
Und stolz rief alles: “Nieder mit den Waffen“
Zur selben Zeit prüft man in Arsenalen
Die prompte Wirkung neuer Todes­strahlen,
Und der Engros-Erzeu­gung von Bakte­rien,
Gewährt man Subven­tion in Ministerien.

Ich wollte weinen, doch ich musste lachen,
Weil alles dieses doch Gescheite machen.
Ich stieg herab vom Berg zur Menschen­schar,
Und alles schrie: “Seht an! Da geht der Narr!”

Ich aber dankte Gott aus tiefstem Sinn,
Dass ich ein Narr und kein Gescheiter bin.

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